Die katholische Kirche und der Sex
Samstag, 24. September 2011
Die Instruktion, ergangen im Jahr des Herrn 1962, behandelt ein heikles Thema: Sex im Beichtstuhl. Wobei der Vatikan es vorsichtiger formuliert, wenn ein Priester eines seiner Schäfchen vor, während oder nach der Beichte verführt. Zum Beispiel, indem er sein Gegenüber durch "Worte, Zeichen, ein Kopfnicken, eine Berührung" zu "unreinen und obszönen Handlungen" provoziert.
Jeden einzelnen Fall, so der Befehl aus Rom, hätten die Bischöfe ganz entschieden zu verfolgen: vor allem ganz entschieden so, dass alles in den Räumen der Heiligen Kirche bleibe. Mit internen Ermittlungen kennt sich deren Glaubenskongregation - früher Inquisition genannt - schließlich seit Jahrhunderten gut aus. Ankläger, Verteidiger, Richter, sämtliche Rollen besetzt der Vatikan von jeher mit eigenen Geistlichen, Prozessakten landen in den Geheimarchiven der Kurie.
Geschützt werden soll vordergründig das Sakrament der Beichte. In Wahrheit aber auch der katholische Anspruch als höchste moralische Instanz.
Nichts darf ihn beschmutzen; weder der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, begangen von Tausenden katholischer Geistlicher weltweit; noch die heimlichen Beziehungen zwischen Pfarrer und Haushälterin noch das Verstecken von Priesterkindern oder die Liebe schwuler Klerikerpärchen. Es sind alles Fälle von Doppelmoral, entstanden, weil sich der menschliche Trieb nur schwer einer päpstlichen Enzyklika unterordnen lässt, auch nicht bei Priestern.
Über Jahrzehnte hat diese Omertà gehalten, teils verordnet wie in der Instruktion von 1962, teils informell.
Doch jetzt bricht die Schweigemauer. Erst enthüllte die Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg vor gut einer Woche die schmutzige Vergangenheit einiger Ordensmänner: den Missbrauch von Schülern in den siebziger und achtziger Jahren. Dann meldeten sich täglich neue Opfer. Bis vorigen Freitag hatten mindestens 40 von ihnen drei Jesuitenpatres belastet, die erst in Berlin, später an der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule, dem Schwarzwälder Kolleg St. Blasien und in mehreren niedersächsischen Pfarrgemeinden unbehelligt Kinder und Jugendliche belästigten.
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