Ein schreckliches Jahr für die beiden Kirchen
Samstag, 1. Januar 2011
Sexueller Missbrauch, Enttäuschung, Vertrauensverlust: Die Schuld an den Austrittswellen liegt vor allem bei den Kirchen selbst. Eine Lawine von sexuellen Missbrauchsfällen und drei spektakuläre Bischofsrücktritte – für Katholiken und Protestanten in Deutschland ist 2010 das Jahr der Krisen. Ein „Annus horribilis“ (schreckliches Jahr) vor allem für die katholische Kirche. Am 20. Januar berichtet der Jesuit Klaus Mertes (56), Rektor des angesehenen Berliner Canisiuskollegs, in einem Brief an rund 600 ehemalige Schüler und Schülerinnen „mit tiefer Erschütterung und Scham“ über „systematische und jahrelange“ sexuelle Übergriffe von Patres. Acht Tage später zitiert die „Berliner Morgenpost“ als erste Zeitung aus dem Schreiben. Eine bundesweite Debatte über Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist angestoßen. Täglich werden neue Sexskandale in kirchlichen Einrichtungen, Internaten, Klöstern, Pfarreien, bekannt.
Die meisten Verfehlungen liegen zwar lange zurück, aber die Bischöfe sind sich einig: Die Affären wirken „so entsetzlich, wie wenn sie heute geschehen wären“. Papst Benedikt XVI. verurteilt die Untaten, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht von einer „Bewährungsprobe für die ganze Gesellschaft“, das Missbrauchsthema dominiert die Frühjahrsversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Freiburg. Ihr Vorsitzender, Robert Zollitsch (72), entschuldigt sich bei den Opfern. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann (47) wird als „Missbrauchsbeauftragter“ eingesetzt. Die 2002 verabschiedeten kirchlichen Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch werden verschärft, zum 1. September treten sie in Kraft. Jeder Verdachtsfall soll angezeigt werden, es sei denn das Opfer widerspricht. Es gehe um ein „ausgewogenes Verhältnis zwischen Anzeigepflicht und Opferschutz“, sagt Bischof Ackermann. Ein „Präventionskonzept“ wird vorgestellt, nach zähen Beratungen auch ein Opfer-Entschädigungsmodell: Geld, Therapien und besondere Hilfe für sogenannte Härtefälle.
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