Gutachten: Erzbistum München vertuschte sexuellen Missbrauch
Freitag, 24. Dezember 2010
Artikel
(AFP) – 03.12.2010
München — Im Erzbistum München-Freising ist über Jahrzehnte sexueller Missbrauch bewusst vertuscht worden. "Wir haben es mit umfangreichen Aktenvernichtungsaktionen zu tun", sagte die vom Bistum beauftragte Gutachterin zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, Rechtsanwältin Marion Westpfahl, bei der Präsentation der Ergebnisse ihrer Arbeit. Außerdem hätten die Verantwortlichen in dem Bistum selbst gravierende Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch und körperlichen Misshandlungen unaufgeklärt gelassen, um Priester zu schützen.
Westpfahl erhob keine Vorwürfe gegen den früheren Münchner Kardinal Joseph Ratzinger, den heutigen Papst Benedikt XVI, auch wenn aus dessen Kardinalszeit von 1977 bis 1982 Unterlagen fehlten. Bei der Bearbeitung von Verdachtsfällen liege die Verantwortung jeweils bei den Generalvikaren, sagte Westpfahl. "Die Generalvikare sind es viel mehr als die Erzbischöfe."
Die Rechtsanwältin betonte, dass die Gutachter von den jetzigen Verantwortlichen des inzwischen von Kardinal Reinhard Marx geführten Bistums jede angefragte Information bekommen hätten. Trotz der unvollständigen Aktenlage hätten sich in 365 der 13.200 noch vorhandenen Akten Hinweise auf einschlägige Vorfälle ergeben. Bei deren Auswertung habe sich gezeigt, dass von 1945 bis 2009 insgesamt 159 Priester auffällig geworden seien, dazu 15 Diakone, 96 Religionslehrer im Kirchendienst und sechs pastorale Mitarbeiter.
Angesichts der fehlenden Unterlage dürften es aber viel mehr Täter gewesen sein, sagte Westpfahl. "Wir müssen von einer erheblichen Dunkelziffer ausgehen." Die meisten Taten seien im ländlichen Bereich gewesen, viele der Missbrauchsverdächtigen hätten Alkoholprobleme gehabt. Aufgrund der Vertuschung seien aber nur 26 Priester strafrechtlich belangt und verurteilt worden.
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen