159 Priester in sexuellen Missbrauch verstrickt
Freitag, 24. Dezember 2010
Artikel
03.12.2010
Kirchen Die Erzdiözese München und Freising hat am Freitag ihren 250 Seiten starken Missbrauchsbericht vorgelegt. Demzufolge seien mindestens 159 Priester, von denen 26 wegen Sexualdelikten verurteilt wurden, und 96 katholische Religionslehrer in Fälle sexuellen Missbrauchs verstrickt gewesen, sagte die Rechtsanwältin Marion Westpfahl in München.
Alle in die Delikte verstrickten Personen seien bereits verstorben. Es müsse jedoch von einer sehr viel höheren Zahl von Missbrauchsfällen ausgegangen werden, da durch die Vernichtung wesentlicher Akten "der Ungeist der Vertuschung erfolgreich war", fügte Westpfahl an, die gemeinsam mit weiteren Gutachtern mit der Sichtung von 13.200 Akten beauftragt worden war.
Untersucht wurde der Zeitraum von 1945 bis 2009, also auch die Amtsjahre von Josef Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI. Aus dessen Amtszeit sei lediglich der Fall eines Priesters im Münchner Süden dokumentiert, dem Ratzinger einen langen Brief geschrieben habe, er müsse die ihm angedrohten Sanktionen hinnehmen. Der Mann sei aus dem Priesteramt entlassen worden. "Nur dabei trat Ratzinger greifbar in Erscheinung", sagte Westpfahl.
Westpfahl gab zu, bei der Untersuchung oft an Grenzen gestoßen zu sein - nicht wegen mangelnden Aufklärungswillens, sondern wegen einer Aktenvernichtung im großen Stil. Wichtige Schriftstücke, die mögliche weitere Fälle von Sexualmissbrauch belegen könnten, seien unvollständig gewesen, einen Teil der Akten habe man nach dem Tod von Klerikalen in Privatwohnungen gefunden. Eine Zentralerfassung des Aktenbestandes, wie sie bei jeder Verwaltung üblich sei, existiere nicht.
Der Missbrauchsbericht macht auch vor gravierenden Vorwürfen gegenüber der katholischen Kirche im Umgang mit den Opfern nicht halt. Viele untersuchte Schriftstücke hätten einen "euphemistischen, verharmlosenden Sprachgebrauch". Die Auswirkungen auf das Opfer seien nur zu erahnen. Die betroffenen Kinder seien einer Vereinsamung ausgesetzt gewesen und gar nicht wahrgenommen worden, kritisierte Westpfahl.
Über die Täter fanden die Gutachter heraus, dass sie in einer Vielzahl von Fällen psychisch und physisch gering belastbar gewesen seien. Westpfahl sprach von "Wehleidigkeit und Selbstmitleid". Viele hätten sich hinter Krankheiten verschanzt und "Reifedefizite" aufgezeigt. Immerhin gehe es bei der überwiegenden Zahl der Täter um Männer zwischen 45 und 65 Jahren. Auffällig seien häufiger Alkoholmissbrauch gewesen sowie ein Auftreten der Fälle sexuellen Missbrauchs vorwiegend im ländlichen Bereich.
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