"Entschädigung darf kein Schweigegeld sein"
Mittwoch, 22. September 2010
Berlin - Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, hat die katholische Kirche in Deutschland aufgefordert, die Opfer von sexuellem Missbrauchs finanziell zu enstschädigen. Es müsse darum gehen, Verantwortung zu übernehmen "und zu sagen, wir beteiligen uns selbstverständlich auch an materiellen Entschädigungen", sagte Bergmann. Dabei seien statt einer pauschal festgelegten Höhe von Entschädigungszahlungen je Opfer auch individuelle Zahlungen vorstellbar.Missbrauch in der katholischen Kirche
"Entschädigung darf kein Schweigegeld sein"
Die SPD-Politikerin hatte im April ihre Arbeit als Missbrauchsbeauftragte aufgenommen, nachdem zuvor eine in Deutschland beispiellose Welle von entsprechenden Vorfällen vor allem in katholischen Einrichtungen bekannt geworden war.
2500 Anrufe und Briefe von Missbrauchsopfern
In einer ersten Zwischenbilanz gab sie an, dass die von ihr verantwortete Anlaufstelle in den vergangenen sechs Monaten insgesamt 2500 Anrufe und Briefe von Opfern sexuellen Missbrauchs oder deren Angehörigen erreicht hätten. 91 Prozent der Betroffenen seien mehrfach und wiederkehrend missbraucht worden. 60 Prozent von ihnen hätten sich zuvor niemandem anvertraut. Der größte Teil - 80 Prozent - fand dem Zwischenbericht Bergmanns zufolge frühestens 20 Jahre nach dem Missbrauch den Mut, von den Erlebnissen zu erzählen, viele sogar erst nach 40 bis 50 Jahren. Der älteste Anrufer sei 80 Jahre alt gewesen, der jüngste Anrufer zehn Jahre, das Durchschnittsalter liege bei 51 Jahren.
Bei der wissenschaftlichen Auswertung der gemeldeten Fälle stellte sich heraus, dass Frauen häufiger im familiären Umfeld und Männer eher in Institutionen missbraucht wurden.
Unter dem Motto "Sprechen hilft!" stellte Bergmann in Berlin eine Öffentlichkeitskampagne vor, die Betroffene ermutigen soll, sich zu offenbaren. Die vom Regisseur Wim Wenders und dessen Frau Donata gestalteten Kinospots, Plakate, Flyer und Postkarten stehen dabei unter dem Slogan: "Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter." Im Mittelpunkt stehen ein Mann und eine Frau mittleren Alters, denen der Mund zugehalten wird.
Spätere Verjährungsfrist bei sexueller Misshandlung gefordert
Bergmann forderte bei der Vorstellung der Kampagne ebenfalls, dass sexuelle Misshandlung von Kindern deutlich später verjähren solle. Bisher verfallen Ansprüche auf Schadenersatz und Schmerzensgeld meist schon nach drei Jahren.Die Bundesministerinnen Kristina Schröder (CDU/Familie), Annette Schavan (CDU/Bildung) und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP/Justiz) teilten mit, im Rahmen des Runden Tisches zum Thema Kindesmissbrauchs am 10. November gemeinsam mit Bergmann mit Betroffenen sprechen zu wollen. Schröder erklärte, sie wolle mit den Opfern diskutieren, welche Forderungen und Anregungen sie in die Arbeit des Runden Tisches einbringen können.
Die katholischen deutschen Bischöfe beraten derzeit in Fulda auch über mögliche Zahlungen an Missbrauchsopfer. Konkrete Summen wollte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, bislang allerdings nicht nennen. Auch den jüngsten Vorschlag der Jesuiten, jedem Opfer 5.000 Euro zu bezahlen, kommentierte er zurückhaltend.

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