"Vor lauter Angst habe ich den Mund gehalten"
Donnerstag, 15. April 2010
Aus Köln berichtet Annette Langer Im Kölner Dom ist die Welt noch in Ordnung. Während draußen "die Atheisten zum Sturm auf die Kirche blasen", wie die christliche Wochenzeitung "Neue Bildpost" meint, regiert im Innern der Kathedrale himmlische Ruhe. Leise klappern die Highheels russischer Touristinnen über den Mosaikboden, die Sonne bringt das Zinnoberrot der Kirchenfenster zum Leuchten. Nur aus den alten Mauern strömt noch feuchte Winterkälte. Immerhin, Joachim Kardinal Meisner hat die Brisanz der Lage erkannt. In seinem 48-jährigen Priesterleben habe er noch nie "eine so schwere Zeit für die Kirche erfahren", schrieb er in einem Brief an die Gläubigen im Erzbistum Köln. Besondere Situationen fordern außergewöhnliche Maßnahmen, sollte man meinen. Doch Meisners Rat an die zunehmend verärgerten und verunsicherten Katholiken ist wenig originell: Beten sollen sie, für die Opfer, die Täter und die Wütenden, die nun aus der Kirche austreten. "Mit beten allein werden wir in der jetzigen Situation wohl kaum weiterkommen", empört sich der Kölner Theologe Brian M.: "Wenn der Heilige Geist irgendetwas bewirken soll, dann muss die Kirche vor allem ihre Strukturen ändern." "Später habe ich erfahren, dass er sich auch an Kindern vergriffen hat" Brian, ein gutaussehender Enddreißiger mit George-Michael-Bart und kornblumenblauen Augen, steht aufrecht zwischen zwei Särgen. Links thront ein Öko-Holzmodell mit Lederschlaufen, rechts ein schwarzes Ungetüm mit raffinierter Verschlusstechnik. M. ist Bestatter, führt in Köln ein elegantes Beerdigungsinstitut, in dem es nach Vanille duftet und eine Käthe-Kollwitz-Radierung an der Wand hängt. Im schwarzen Anzug zum rosa Hemd, die Hände über dem Gürtel verschränkt, bittet M. zum Gespräch. Er tut das mit einem gewissen Unbehagen: "Ich will kein Nestbeschmutzer sein und andere denunzieren. Mir ist die Kirche immer noch wichtig, ich will loyal sein", betont er. Aber da sei diese Wut über Doppelmoral und Verlogenheit, Missbrauch, Zölibat und die Leiden, die daraus entstehen. Viele Jahre lang hat der studierte Theologe als Dozent und später als Seelsorger bei der Kölner Aids-Hilfe gearbeitet. Doch ursprünglich wollte er immer nur eines: Priester werden, in der katholischen Kirche, seiner spirituellen Heimat, in der er sich aufgehoben und geborgen fühlte. Bis zu einem bestimmten Punkt. In den neunziger Jahren studierte M. am erzbischöflichen Priesterseminar in Paderborn. Er hatte zu diesem Zeitpunkt einige Beziehungen zu Frauen gehabt, war aber überzeugt, den Zölibat leben zu können. Doch schon zu Beginn der Ausbildung gab es Probleme: An seinem zweiten Tag im Seminar wurde M. von einem älteren Mitstudenten* sexuell belästigt, was er als "sehr unangenehm" empfand und bei seinem Ausbilder anzeigte. Der Beschuldigte sei trotzdem zum Diakon geweiht worden. "Später habe ich erfahren, dass er sich auch an Kindern vergriffen hat, das hat mich sehr belastet", so M. Jojo-Effekt im Priesterseminar Ein Sprecher der Erzdiözese Paderborn bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass es gegen den Kommilitonen Beschwerden gegeben habe. Er sei 1992 nach Rücksprache mit dem Erzbischof nicht zur Priesterweihe zugelassen worden. Laut Landgericht und Staatsanwaltschaft Paderborn wurde der Diakon später wegen Verbreitung kinderpornografischen Materials und sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu Geld- und Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt. Trotz des Übergriffs gefiel Brian das Leben unter 120 Männern, er glaubte fest an seine Berufung und arbeitete hart an sich und dem Zölibat. "Ich wollte das in den Griff kriegen, habe mich sehr bemüht und war stolz auf Phasen, in denen ich es hingekriegt habe", erinnert sich M. Über seinem Bett hing ein großes Holzkreuz, von dem Jesus auf ihn hinabsah. Der 1992 approbierte Katechismus der katholischen Kirche brandmarkte Masturbation weiterhin als "schwere ordnungswidrige Handlung". Dennoch "versündigte" sich Brian bisweilen und war dann "vollkommen deprimiert." Er ging zur Beichte, büßte, hoffte auf Läuterung, dann begann alles von vorn. Eine Art Jojo-Effekt sei das gewesen, sagt er heute. Doch mit der "Initialzündung", seinem schwulen Coming-out mit einem Kommilitonen, wurde alles anders. "Sexualität, Nähe und Zweisamkeit wurden ein Thema, und zwar ein drängendes", erinnert sich Brian. Sex, Lügen und Angst im geschlossenen System Schnell lernte er Gesinnungsgenossen kennen, verstand, dass er "nur ein sündiges Schaf unter sehr vielen anderen" war. Ob sich die Studenten in der schwulen Szene einer Großstadt vergnügt hätten? "Das war gar nicht nötig", sagt Brian trocken. "Ich lebte in einem geschlossenen System und musste noch nicht einmal vor die Tür gehen, um Sex zu haben, sondern bekam ihn sozusagen auf dem Tablett serviert." Es habe eine Art Telefonkette gegeben, "wer in der Diplomphase Lust hatte, rief einfach einen Kommilitonen an und traf sich kurz mit ihm". Das Erzbistum Paderborn teilt dazu auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage mit, dass ihnen "praktizierte homosexuelle Beziehungen aus den neunziger Jahren im Priesterseminar" nicht bekannt seien. "Wir hatten große Angst aufzufliegen, denn wir wollten Priester werden und unbedingt in der Kirche bleiben", sagt M. Wer jemanden anschwärzen wollte und um homosexuelle Aktivitäten wusste, hatte leichtes Spiel. "Er konnte den Schwulen denunzieren und war ihn dann in der Regel los." Eine perfide Form von Mobbing. "Es ist eine Welt der Unterdrückung" Die katholische Kirche habe nicht nur sexuelle und körperliche Gewalt ausgeübt, sondern auch psychische, berichtet Brian: "Man hat mich mit Autorität unter Druck gesetzt, mir so viel Angst eingejagt, dass ich den Mund nicht mehr aufgemacht habe. Es ist eine Welt der Unterdrückung." Warum er sich gefügt habe? Brian ist verlegen. "Wenn man das innere Gefühl der Berufung hat, schwingt man sich nicht auf zum rebellischen Luther der Neuzeit, kämpft nicht wie David gegen Goliath", sagt er.Ausbildung in der katholischen Kirche
"Vor lauter Angst habe ich den Mund gehalten"

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